Interview Dr. Monika Klinkhammer-Schalke

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PD Dr. Monika Klinkhammer-Schalke: „Im Vordergrund steht der direkte Nutzen für den Patienten.

Am 5. Oktober 2016 startet in Berlin der 15. Deutsche Kongress für Versorgungsforschung. Im Interview geht die Kongresspräsidentin PD Dr. Monika Klinkhammer-Schalke auf die Themen des DKVF 2016 ein.

 

Das Motto des Deutschen Kongresses für Versorgungsforschung 2016 lautet „Wissen schaf(f)t Nutzen“. Wer soll denn einen Nutzen ziehen und von was genau?

Klinkhammer-Schalke: Im Vordergrund steht ganz klar der direkte Nutzen für den Patenten. Damit meine ich nicht nur die medizinisch messbare Verbesserung seines Gesundheitszustandes. Es geht auch um eine aus Patientensicht angemessene Lebensqualität. Trotz einer Flut von Forschung verschwinden die gewonnenen Erkenntnisse oft wieder in der Versenkung. Sie finden entweder keine Aufmerksamkeit oder fließen nicht ausreichend in die Planungen ein. Das würde ich gerne verändern.

 

Können Sie ein Beispiel geben?

Klinkhammer-Schalke: Ich denke da zum Beispiel an Strukturinnovationen wie die Disease-Management-Programme (DMPs), die mit viel Hoffnung auf den Weg gebracht wurden, aber bei der Umsetzung auf Schwierigkeiten stießen. Ein anderes Beispiel aus der Onkologie: Wenn man Brustkrebspatientinnen mit einem Lebensqualitätsdefizit Experten zur Seite stellt, die ihnen bei der Überwindung ihrer Defizite helfen, dann haben sie nach einer bestimmten Zeit auch weniger Defizite. Das zeigen randomisierten Studien. Wir müssen überlegen, ob und wie solche Erkenntnisse nutzbringend in die Krankenversorgung integriert werden können.

 

Was stimmt Sie optimistisch, dass dieser Wissenstransfer gelingen kann?

Klinkhammer-Schalke: Es gibt durchaus positive Beispiele. Denken Sie an die medizinischen Leitlinien: Sie stellen praxisorientierte medizinische Entscheidungshilfen dar, die systematisch auf der Basis der besten verfügbaren wissenschaftlichen Belege entwickelt wurden. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, dass medizinisches Wissen in der Versorgung ankommt. Das ist für viele Patienten ein Gewinn.

 

Welche Instrumente hat die Versorgungsforschung, um den Transfer von medizinischem Wissen in den Versorgungsalltag zu untersuchen?

Klinkhammer-Schalke: Wichtig sind bevölkerungsbezogene Untersuchungen. Zurzeit werden klinische Krebsregister flächendeckend in ganz Deutschland etabliert, manche Bundesländer haben damit schon länger Erfahrungen sammeln können. Die Register erlauben uns, die Ergebnisqualität der Behandlung eines Krebspatienten zu erfassen, und zwar entlang des gesamten Verlaufs seiner Erkrankung. Wir wissen inzwischen auch, dass wir die Behandlungsqualität verbessern können, wenn wir diese Ergebnisse an die Behandler zurückmelden und mit ihnen Verbesserungen diskutieren.

 

Die Initiative zur Diabetes Surveillance verfolgt ja einen ähnlichen Ansatz wie die Krebsregister. Wo liegen die Herausforderungen?

Klinkhammer-Schalke: Beim Diabetes existieren viele unterschiedliche Krankheitsbilder, z. B. der Gestationsdiabetes, Diabetes Typ I bei Kindern oder Diabetes Typ II bei Erwachsenen. Ihre Erfassung geschieht derzeit ganz unterschiedlich, zum Teil über die DMPs, in Registern wie beim diabetischen Fuß, oder mit anderen Werkzeugen. Das Projekt zur Diabetes Surveillance holt die Fachleute zusammen, die die Daten bislang erfasst haben, damit sie gemeinsam eine einheitliche Vorgehensweise bei der Erfassung der Daten entwickeln. Gefragt ist ein Basisdatensatz zur Erfassung grundlegender Parameter, auf dem dann spezifische Erweiterungen für die jeweiligen Erkrankungen aufsetzen. Das gab es beim Diabetes bislang noch nicht.

 

Diabetes und Krebs sind folglich wichtige Kongressthemen auf dem DKVF 2016?

Klinkhammer-Schalke: Richtig. Auf einem Satellitensymposium am 6. Oktober befassen sich Vertreter aus Politik und Wissenschaft intensiv mit dem Thema Diabetes, um gemeinsam das Zusammenspiel von Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung in der Diabetesbekämpfung zu optimieren.Und die dritte und letzte Plenarsitzung zeigt am Beispiel der bisherigen Ergebnisse des Nationen Krebsplans und der spezifischen Evaluationen aus Forschungsprogrammen, wie Innovationen umgesetzt werden können und wie die Versorgungsforschung den gesamten Prozess der Weiterentwicklung von Krankenversorgung begleiten kann.

 

Welche Themen gibt es sonst noch?

Klinkhammer-Schalke: Das Spektrum ist sehr vielfältig. Die Lebensqualität der Patienten liegt mir sehr am Herzen, deshalb befassen wir uns auch auf dem Kongress damit. Dazu kommen noch andere Fragen: Wie lässt sich die Arzt-Patienten-Kommunikation optimieren? Wie setzen wir Telemedizin und Digital Health sinnvoll ein? Auch gesundheitspolitische Themen sind auf dem Kongress vertreten: Eignen sich „Pay-for-Performance“-Modelle zur Steuerung des Gesundheitswesens? Wie plant man Systeminnovationen? Ist Qualitätsorientierung ein sinnvoller Einstieg in die regionale Krankenhausplanung? Mir kommt es darauf an, dass die Konzepte zu diesen Fragen beim Kongress so konkret wie möglich diskutiert werden.

 

Die Versorgungsforschung spielt eine wichtige Rolle bei der wissenschaftlichen Begleitung des Innovationsfonds des Bundes. Ist der Innovationsfonds Kongressthema?

Klinkhammer-Schalke: Der Fonds wurde aufgelegt, um die Entwicklung neuer Versorgungsformen im Gesundheitswesen zu fördern. Ein Teil soll in die Versorgungsforschung fließen. Das gibt unserer Forschung, die bislang eher unterfinanziert war, großen Auftrieb. Darüber freuen wir uns natürlich sehr. Eine unserer Plenarsitzungen befasst sich mit der Weiterentwicklung der konzeptionellen und methodischen Ansätze, die die Versorgungsforschung für eine erfolgreiche Bewältigung ihrer Aufgaben im Rahmen des Innovationsfonds benötigt.

 

Was sind Ihre persönlichen Highlights im Kongressprogramm?

Klinkhammer-Schalke: Die Eröffnungs-Plenarsitzung liefert die perfekte Einführung in die Themen des Kongresses. Es geht um grundsätzliche Fragen: Welche Informationen benötigt die Gesundheitspolitik zur Steuerung der Krankenversorgung? Wie lässt sich Wissen in der Versorgung umsetzen? Was wird gebraucht, damit dieses Wissen beim Patienten ankommt? Ich freue mich ganz besonders über die Zusage von Herrn Bundesgesundheitsminister Gröhe, diesen Kongress mit einem Plenarvortrag zu eröffnen. Im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung wird auch der Wilfried-Lorenz-Versorgungsforschungspreis verliehen. Das Deutsche Netzwerk für Versorgungsforschung hat diesen Preis ausgeschrieben, um jungen Forschern Mut zu machen. Ich glaube, das Kongressprogramm bietet allen in der Versorgungsforschung Tätigen gute Möglichkeiten, sich noch besser zu vernetzen und voneinander zu lernen. Diese Gelegenheit sollte man sich nicht entgehen lassen.