Interview Dr. Johannes Bruns

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Dr. Johannes Bruns: „Abgeschottete Leistungskataloge behindern oft eine sinnvolle medizinische Versorgung von Krebspatienten.“

Wenn im deutschen Gesundheitswesen über Versorgung gesprochen wird, so geht es häufig um die isolierte Betrachtung einzelner Gesundheitsleistungen. Für die besonderen Erfordernisse bei der Behandlung komplexer Erkrankungen und die Bedürfnisse der Betroffenen bleibt dabei wenig Raum. Dr. Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft, geht im Interview auf die Erfassung der onkologischen Versorgungsqualität und die Rolle der Versorgungsforschung dabei ein.

 

Versorgungsforschung in der Onkologie – was sind die Kernfragen, die erforscht werden sollten?

Bruns: Krebs ist eine komplexe Erkrankung, die komplexe Interventionen erfordert. Um den Tumor optimal zu behandeln, müssen oftmals OPs, Bestrahlungen und medikamentöse Therapien kombiniert werden. Für die Lebensqualität des Patienten ist aber auch der Zugang zu einer psychosozialen Beratung wichtig, ebenso wie pflegerische, rehabilitative, palliativmedizinische Leistungen oder eine gute hausärztliche Betreuung. Wer die Qualität der Krankenversorgung erfassen möchte, und darum geht es unter anderem in der Versorgungsforschung, der darf sich nicht auf einzelne Behandlungsschritte konzentrieren. Vielmehr muss die Versorgungsqualität entlang des gesamten Krankheitsverlaufs abgebildet werden, auch an der Schnittstelle von stationärem zu ambulantem Sektor. Insbesondere in der Onkologie behindern abgeschottete Leistungskataloge oft eine sinnvolle medizinische Versorgung.

 

Brauchen wir mehr Versorgungsforschung?

Bruns: Ich glaube in der Tat, dass wir die Bedeutung einzelner medizinischer Interventionen für die Lebenserwartung überbewerten und die Forschung zur interdisziplinären und sektorenübergreifenden Gestaltung von Versorgungszusammenhängen vernachlässigen. Auch die Frage, wie die Patienten selbst ihre Lebensqualität bewerten, hat lange Zeit eine untergeordnete Rolle gespielt. Gottseidank ändert sich das derzeit. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Versorgungsforschung durch den Innovationsfonds einen kräftigen Schub erhält.

 

An welchen Studien zur Versorgungsforschung beteiligt sich die Deutsche Krebsgesellschaft?

Bruns: Die von der DKG zertifizierten Zentren eignen sich sehr gut, um dort Versorgungsforschung zu betreiben. Im Rahmen der Zertifizierung existieren dort einheitliche Dokumentationsstandards und das Einbringen von Patienten in Studien ist ein Qualitätsindikator. Wir waren zum Beispiel an der PIAT-Studie beteiligt ‒ es ging dabei um den Bedarf an Informations- und Schulungsmaßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz von Patientinnen und Patienten mit einem Mammakarzinom. Aktuell laufen weitere Studien, etwa zur Versorgungsqualität in Prostatakrebszentren unter Berücksichtigung der Patientenperspektive, und zur Erfassung der medizinischen und psychosozialen Bedürfnisse männlicher Brustkrebspatienten.

 

Wie gut wird die Qualität in der onkologischen Versorgung gegenwärtig erfasst? Was lässt sich messen, wo sind die Grenzen?

Bruns: Momentan erfolgt die Messung von Qualität meist mithilfe von Indikatoren, die Versorgungsstrukturen und Prozesse betreffen. So schauen wir uns z.B. an, wie häufig ein bestimmter Eingriff an einem Zentrum durchgeführt wird – Studien zeigen eine Korrelation zwischen der Qualität von Eingriffen und der Erfahrung des Operateurs. Oder wir leiten Qualitätsindikatoren aus medizinischen Leitlinien ab, die wiederum das beste verfügbare Studienwissen über eine Behandlung wiedergeben. Aber ein vollständiges Bild ergibt sich erst mithilfe der bevölkerungsbezogenen Erfassung der Ergebnisqualität: Wie geht es einem Patienten Monate oder Jahre nach seiner Krebstherapie? Hat er einen Rückfall gehabt, wie ist seine Lebensqualität, leidet er unter Spätfolgen? Lässt sich der Verlauf seiner Erkrankung in Zusammenhang bringen mit bestimmten Gesundheitsleistungen, die er erhalten oder nicht erhalten hat? Und können wir bei der Datenauswertung Muster erkennen? Solche Daten lassen sich z.B. in Krebsregistern erfassen. Deshalb haben wir uns im Nationalen Krebsplan ja auch für die flächendeckende Etablierung von klinischen Krebsregistern stark gemacht.

 

Die Rahmenbedingungen für die flächendeckende Etablierung klinischer Krebsregister sind mittlerweile im Gesetz verankert und müssen bis 2017 von den Ländern umgesetzt werden. Wie weit ist die Umsetzung gediehen?

Bruns: Offenbar sind die Umsetzungspläne in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich. Einige Bundesländer planen mehrere regionale Register, andere ein einziges landesweites. Leider sind darunter auch Flächenländer, die bestehende, gut funktionierende regionale Register zugunsten einer zentralen Einrichtung aufgeben wollen. Ich hoffe sehr, dass sich eine starke regionale Verankerung der Register durchsetzt. Nur so gelingt es, die erhobenen Daten wieder an die Leistungserbringer zurückzuspiegeln und sie zur Qualitätsverbesserung zu nutzen.

 

Die Qualitätssicherung, die Sie in den DKG-zertifizierten Zentren betreiben, ist eine freiwillige Leistung der Zentren, für die sie keine zusätzliche Vergütung erhalten. Sind Sie ein Befürworter von Pay-for-Performance-Modellen als Mittel zur Steuerung?

Bruns: Nein. Das würde voraussetzen, dass die beschriebenen Instrumente zur Qualitätsmessung schon umfassend zur Verfügung stehen und im Versorgungsalltag etabliert sind. Soweit sind wir derzeit noch nicht. Außerdem bin ich der Meinung, dass in einem solidarisch finanzierten Krankenversicherungssystem möglichst alle Patienten Zugang zu einer hohen Versorgungsqualität haben sollten. Ich fürchte, das Pay-for-Performance-Prinzip unterhöhlt die Solidargemeinschaft.

 

Die Diabetes Surveillance plant den Aufbau eines umfassenden Diabetes-Registers. Welche Erfahrungen aus der Diskussion um die Krebsregister können Sie weitergeben?

Bruns: Ich kann nur dazu ermuntern, diesen Weg weiterzugehen. Bevölkerungsbezogene Daten sind gerade bei der Erfassung chronischer Erkrankungen wichtig. Und es lohnt sich, eine einheitliche Grundlage für die Datenerfassung zu schaffen.