Interview Dr. Christa Scheidt-Nave

CSN

Dr. Christa Scheidt-Nave: „Herausforderung Diabetes − die Datenlage ist reichhaltig, aber fragmentiert“

Zu den spannenden Diskussionsthemen auf dem DKVF 2016 gehört die Steuerung der Versorgung von Diabetespatientinnen und -patienten. Die Epidemiologin Dr. Christa Scheidt-Nave leitet den Aufbau der Nationalen Diabetes-Surveillance am Robert Koch-Institut in Berlin. Im Interview erklärt sie die Ziele des Projekts und geht auf die Herausforderungen ein.

 

Schätzungen zufolge wird die Zahl der Menschen mit Diabetes in Europa bis 2035 um 33 Prozent zunehmen. Wo steht Deutschland in diesem Feld?

Scheidt-Nave: Zunächst ist eine Begriffsklärung notwendig. Bevölkerungsbezogene Studien zur Verbreitung von Diabetes können in der Regel nicht zwischen den verschiedenen Diabetes-Formen unterscheiden. Wenn wir hier von Diabetes sprechen, ist in erster Linie die Zivilisationskrankheit Typ- 2-Diabetes gemeint, früher Altersdiabetes genannt.

Epidemiologische Modellierungen von Ralph Brinks und Kollegen am Deutschen Diabetes Zentrum in Düsseldorf haben auch für Deutschland eine starke Zunahme der Zahlen für Typ 2-Diabetes vorausgesagt. Hierzu trägt die Zunahme der Lebenserwartung insgesamt und auch die verbesserte Lebenserwartung der Erkrankten bei, vor allem aber die Zunahme der Neuerkrankungsrate (Inzidenz) in Folge einer Zunahme wichtiger Diabetes-Risikofaktoren. Die zukünftige Entwicklung wird ganz entscheidend davon abhängen, wie erfolgreich die Prävention von Typ-2-Diabetes in den nächsten Jahren umgesetzt wird. Prognosen auf der Grundlage von Modellrechnungen müssen immer anhand von tatsächlichen Beobachtungen überprüft werden. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet das Gesundheitsmonitoring des Robert Koch-Instituts. Regelmäßig wiederkehrend werden in bundesweiten, bevölkerungsrepräsentativen Gesundheitssurveys u. a. auch Daten zur Verbreitung (Prävalenz) von ärztlich diagnostiziertem Diabetes mellitus, unerkanntem Diabetes und wichtigen Diabetes-Risikofaktoren erhoben.

 

Wie hoch ist die Dunkelziffer beim unerkannten Diabetes?

Scheidt-Nave: Die Prävalenz eines bislang unerkannten Diabetes bei Erwachsenen in Deutschland im Alter von 18-79 Jahren ging zwischen dem Bundesgesundheits-Survey 1997-1999 (BGS98) und der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland 2008-2011 (DEGS1) von insgesamt 3,8% auf 2,0% zurück. Im gleichen Zeitraum zeigte sich eine signifikante Zunahme in der Prävalenz eines ärztlich diagnostizierten Diabetes mellitus, von insgesamt 5,6% auf 7,2%. Somit ist der Anteil an unerkanntem Diabetes von rund 40% auf rund 22% zurückgegangen. Einschränkend ist zu sagen, dass Einschätzungen des unerkannten Diabetes sehr stark von den zugrundeliegenden Diagnosekriterien abhängen. Unerkannter Diabetes wurde in den deutschen Gesundheitssurveys auf Basis von Messungen des glykosylierten Hämoglobins A1c (HbA1c) definiert. Aktuelle bevölkerungsbezogene Untersuchungen in den USA berücksichtigen HbA1c und Nüchternblutzucker und kommen zu vergleichbaren Einschätzungen. Studien, die einen Glukosetoleranztest zugrunde legen, gelangen in der Regel zu höheren Einschätzungen des Anteils von unerkanntem Diabetes um etwa 50%.

 

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich beim Diabetes?

Scheidt-Nave: Bezogen auf die Prävalenz des ärztlich diagnostizierten Diabetes mellitus liegt Deutschland im europäischen Vergleich bislang im oberen Drittel, weltweit gesehen im Mittelfeld. Die insgesamt weitaus höchsten Diabetes-Prävalenzen werden im Nahen Osten, unter den indigenen Völkern Nordamerikas, in der Bevölkerung einiger Südseeinselstaaten und in Indien beobachtet.

 

Sie sind mit der Leitung eines Projekts zum Aufbau einer epidemiologischen Diabetes-Überwachung betraut. Welches Ziel verfolgt das Projekt genau?

Scheidt-Nave: Die Diabetes-Surveillance soll die in Deutschland bereits verfügbaren Daten zusammenzuführen, um verlässliche und über die Zeit vergleichbare Aussagen zum Krankheitsgeschehen und zu Fortschritten bzw. verbleibenden Herausforderungen in der Prävention und Versorgung von Diabetes mellitus in Deutschland treffen zu können.

 

Welche Daten, außer den bereits erhobenen, werden denn dafür benötigt?

Scheidt-Nave: Unsere Untersuchungen liefern nicht nur Prävalenzschätzungen, sondern lassen auch eine Einschätzung der Verbreitung wichtiger Diabetes-Risikofaktoren, z.B. Adipositas und körperliche Inaktivität, zu. Sie haben jedoch auch ihre Grenzen. Z. B. sind Untersuchungssurveys, zu denen die Menschen in ein Studienzentrum kommen müssen, nicht geeignet, die Anzahl von Personen mit schwerwiegenden Diabetes-bedingten Komplikationen in Deutschland verlässlich einzuschätzen oder das Versorgungsgeschehen zum Diabetes mellitus umfassend zu beurteilen. Außerdem sind damit keine verlässlichen Einschätzungen zur Epidemiologie und zur Versorgungsqualität bei Typ-1-Diabetes oder bei Schwangerschaftsdiabetes möglich.

 

Könnte man nicht auch Versichertendaten der Kassen oder aus den DMP-Programmen hinzuziehen?

Scheidt-Nave: In der Tat existiert eine Fülle von routinemäßig erhobenen Daten, z.B. aus der gesetzlichen Krankenversicherung oder der DRG-Statistik. Hinzu kommen Verlaufsdaten zur Prozess- und Ergebnisqualität aus den 2002-2004 eingeführten sogenannten Disease-Management-Programmen für Typ-1- bzw. Typ-2-Diabetiker. Bislang wurden alle diese Daten aber nur punktuell für eine zusammenfassende und kontinuierliche Diabetes-Berichterstattung genutzt. Für den Aufbau der Diabetes-Surveillance ist geplant, diese Daten systematisch einzubeziehen.

 

Wo liegen die Herausforderungen für das Diabetes-Surveillance-Projekt?

Scheidt-Nave: Wie gesagt, die Datenlage ist reichhaltig, aber fragmentiert. Wir brauchen erstens ein Rahmenkonzept mit geeigneten Kennzahlen für eine umfassende und evidenzbasierte Gesundheitsberichterstattung zum Diabetes mellitus, um die Fachöffentlichkeit zu informieren und die Gesundheitspolitik zu beraten. Und zweitens benötigen wir Standards für das Zusammenführen relevanter Informationen zur Abbildung dieser Kernindikatoren ‒ sie müssen in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Datenhaltern und wissenschaftlichen Kooperationspartnern auf nationaler und regionaler Ebene entwickelt werden.

 

Wie gehen Sie konkret beim Aufbau der Surveillance vor?

Scheidt-Nave: Die Projektlaufzeit beträgt insgesamt vier Jahre, vom August 2015 bis Juli 2019, sie gliedert sich in eine Entwicklungs-, eine Umsetzungs- und eine Produktphase. Zunächst soll ein wissenschaftliches Rahmenkonzept konsentiert und publiziert werden. Es geht dabei um die Festlegung von Handlungsfeldern und Kernindikatoren sowie um eine abschließende Bestandsaufnahme zur grundsätzlichen Nutzbarkeit verfügbarer Datenquellen und der verbleibenden Datenlücken.

 

Stehen denn die Handlungsfelder für die Surveillance schon fest?

Scheidt-Nave: Bei der Diskussion hat man sich an verschiedenen Vorlagen orientiert: dem von Brenner et al. 2003 veröffentlichte Gesundheitsziel Typ-2-Diabetes, den Zielen der Deklaration von St Vincent 1989 sowie dem WHO-Aktionsplan zur Prävention und Kontrolle nicht übertragbarer Krankheiten und zu „Healthy Ageing“. Daraus ergaben sich vier entscheidende Handlungsfelder ‒ (1) das Diabetes-Risiko reduzieren; (2) die Diabetes-Früherkennung und Behandlung verbessern, (3) Diabetes-Komplikationen reduzieren; (4) Krankheitslast und Kosten von Diabetes mellitus senken. Im nächsten Schritt werden diesen Handlungsfeldern Kernindikatoren zugeordnet, und zwar auf der Grundlage der international verfügbaren Literatur und über einen fortlaufenden Konsensprozess mit Expertinnen und Experten im In- und Ausland.

 

Was lässt sich möglicherweise aus der Diabetes-Surveillance für die Erfassung anderer chronischer Erkrankungen lernen?

Scheidt-Nave: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass Erwachsene mit Diabetes mellitus auch andere chronische Krankheiten haben. Für die Diabetes-Surveillance sollen daher Datengrundlagen und Indikatoren genutzt werden, die auch bei anderen chronischen Erkrankungen relevant sind. Die Erfahrungen bei der Auswahl und Abstimmung geeigneter Kernindikatoren und bei der Zusammenführung von Informationen aus verfügbaren Datenquellen sind wertvoll für den weiteren Ausbau und notwendige Anpassungsprozesse. Erfahrungen aus anderen Ländern, z.B. Kanada, haben gezeigt, dass Diabetes mellitus ein gutes Beispiel ist, mit dem sich Pionierarbeit für den Aufbau von Surveillance-Strukturen zu nicht übertragbaren Krankheiten leisten lässt.

 

Die Versorgung von Diabetikern ist auch Thema auf dem DKVF 2016. Können Sie noch etwas zu den geplanten Veranstaltungen sagen?

Scheidt-Nave: Wir werden auf dem Kongress im Rahmen einer wissenschaftlichen Schwerpunktsitzung bisherige Ergebnisse zu Rahmenkonzept, Kernindikatoren und verfügbaren Datenquellen für die Diabetes-Surveillance vorstellen und diskutieren. Zusätzlich wird es ein gesundheitspolitisches Symposium mit dem Titel „Herausforderung Diabetes – Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung im Dialog“ geben, in dem die wechselseitigen Erwartungen von Versorgungsforschern und gesundheitspolitischen Entscheidungsträgern diskutiert werden sollen, um die Zusammenarbeit bei der Erstellung einer verlässlichen Datengrundlage zur Versorgungsgestaltung weiter zu verbessern.

Mehr Informationen zur Diabetes Surveillance auf der Webseite des Robert Koch-Instituts unter www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Themen/Chronische_Erkrankungen/Diabetes/FP_Diabetes_Surveillance.html

Hinweis: Der Zugang zum Symposium „Herausforderung Diabetes – Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung im Dialog“ ist kostenfrei möglich. Details zur Veranstaltung finden Sie hier.