Interview Prof. Dr. Gerd Glaeske

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Bürgerdialog Gesundheit. Gute Pillen helfen, schlechte schaden

Traditionsgemäß öffnet der DKVF am letzten Kongresstag seine Tore und lädt Bürgerinnen und Bürger zu einer öffentlichen Diskussion ein. Moderiert wird sie in diesem Jahr von Prof. Dr. Gerd Glaeske von der Universität Bremen – der renommierte Pharmakologe ist Gutachter der Arzneimitteldatenbank „Medikamente im Test“ der Stiftung Warentest und Autor zahlreicher Arzneimittel-Publikationen.

 

Prof. Glaeske, welches Thema greift der Bürgerdialog beim DKVF 2016 auf?

Glaeske: Es geht um den Nutzen und Schaden von Arzneimitteln. Pro Jahr werden in Deutschland 1,55 Mrd. Packungen Arzneimittel verbraucht. Rund 800 Mio. Packungen, also etwas mehr als die Hälfte, sind rezeptpflichtig, der Rest ist ohne Rezept zu haben. Rezeptfrei heißt aber nicht frei von Neben- oder Wechselwirkungen. Das machen sich die Kunden oft nicht klar.

 

Können Sie Beispiele nennen?

Glaeske: Schlafmittel können zum Beispiel bei dauerhaftem Gebrauch zu einer Medikamentenabhängigkeit führen; die Antibabypille erhöht, abhängig vom Wirkstoff, das Risiko für Thrombosen oder Embolien. Darüber hinaus gibt es pflanzliche Mittel, die zu Müdigkeit oder Leberbelastung führen können. Und auch für Medikamentenwechselwirkungen gibt es Beispiele: Schmerzmittel, die den Wirkstoff Acetylsalicylsäure enthalten, können die Wirkung blutverdünnender Mittel verstärken und dadurch zu schweren Blutungen führen.

 

Ist in der Öffentlichkeit zu wenig über diese Zusammenhänge bekannt?

Glaeske: Eindeutig ja. Für rezeptfreie Arzneimittel darf öffentlich geworben werden, z. B. im Radio oder im Fernsehen. Diese Werbe-Clips stellen die guten Wirkungen und den Nutzen des Arzneimittels in den Vordergrund. Wer dagegen mehr über die Nebenwirkungen wissen will, muss seinen Arzt oder Apotheker fragen, das erfordert viel Eigeninitiative vom Konsumenten. In unserer Veranstaltung wollen wir das Verständnis für die Möglichkeiten und Grenzen, für Nutzen und Missbrauch von Arzneimitteln anhand bestimmter Arzneimittelgruppen erläutern und diskutieren.

 

Welches Format wird die Veranstaltung haben?

Glaeske: Es sind Vorträge von je 20 Minuten geplant – im Anschluss bleibt ausreichend Zeit für Diskussionen. Als Experten haben zugesagt: Prof. Dr. Peter Berlit, Neurologe aus Essen, Dr. Judith Günther, Apothekerin aus Freiburg und Johanna Lederer – sie ist Apothekerin bei der Stiftung Warentest. Die Stiftung Warentest ist außerdem mit einem Büchertisch zum Thema „Arzneimittel und Gesundheit“ vertreten – die Stiftung bewertet seit Jahren Medikamente und bereitet evidenzbasierte Informationen dazu in einer für medizinische Laien verständlichen Form auf. Die kostenfreie Veranstaltung ist offen für alle Interessierten und ich freue mich, wenn möglichst viele Bürgerinnen und Bürger die Gelegenheit nutzen, sich zu informieren und mitzudiskutieren.