Interview Prof. Dr. Matthias Schrappe und Prof. Dr. Holger Pfaff

Innovationsfonds: „Wir haben in Deutschland keinen Mangel an innovativen Ideen.“

Für eine qualitative Weiterentwicklung der Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland hat die Bundesregierung einen Innovationsfonds aufgelegt. Im Rahmen des Fonds stehen in den Jahren 2016 bis 2019 jährlich 300 Millionen Euro bereit – 225 Millionen Euro für neue Versorgungsformen und 75 Millionen Euro für Versorgungsforschung. Prof. Matthias Schrappe und Prof. Holger Pfaff, Vorstandsmitglieder im Deutschen Netzwerk für Versorgungsforschung e.V., sprechen im Interview über die Bedeutung und die Chancen, die der Innovationsfonds bietet.

 

Herr Prof. Schrappe, wie viel Auftrieb erwarten Sie durch den Innovationsfonds für die Versorgungsforschung?
Matthias Schrappe: Der Innovationsfonds wird der Versorgungsforschung enormen Auftrieb geben, sodass Deutschland in diesem Wissenschaftsbereich hoffentlich den Anschluss an das internationale Niveau herstellen kann. Voraussetzung ist allerdings eine weitergehende universitäre Verankerung, was die entsprechende Weitsicht an den Universitäten und eine (allerdings schon spürbare) Richtungsweisung auf Ebene der Bundesländer voraussetzt.

 

Herr Prof. Pfaff, als Vorsitzender des Expertenbeirats des Innovationsfonds beraten Sie den Innovationsausschuss in wissenschaftlicher und versorgungspraktischer Hinsicht. Wann steht fest, welche Projekte gefördert werden?

Holger Pfaff: Bei den neuen Versorgungsformen wird in zwei Wellen gefördert. Die Einreichungsfrist dafür endete im Juli 2016. Wer sich um Gelder für Versorgungsforschung bewerben wollte, musste zunächst eine Projektskizze einzureichen; bei einem positiven Bescheid war der nächste Schritt die Abgabe eines ausführlichen Projektantrags. Diese Einreichungsfrist ist ebenfalls abgelaufen. Derzeit werden die Anträge vom Expertenbeirat und vom Innovationsausschuss begutachtet und zum Schluss durch den Innovationsausschuss endgültig bewilligt oder abgelehnt. Ziel ist es, die ersten Projekte spätestens zu Beginn 2017 an den Start gehen zu lassen.

 

Nach welchen Kriterien werden die Projekte denn ausgewählt?
Holger Pfaff: Ich kann hier nur für den Expertenbeirat, nicht für den Innovationsausschuss sprechen. Damit ein Projekt in die engere Wahl kommt, müssen die in der Ausschreibung fixierten Kriterien beachtet werden. Allgemein gilt: Das Projekt sollte eine hohe Relevanz für die Versorgung haben, z.B. indem es Defizite in der Versorgung angeht oder Qualitätsverbesserungen anstrebt. Es muss wissenschaftlich evaluiert werden, damit der Effekt im Hinblick auf eine dauerhafte Übernahme in die Versorgung auch wirklich beurteilt werden kann. Ferner achten wir auf die Umsetzbarkeit. Ein Projekt sollte in drei Jahren zu publizierbaren Ergebnissen führen. Ebenso wichtig ist die Übertragbarkeit der Erkenntnisse. Der Antragsteller sollte nachweisen, dass sein Modell prinzipiell in ganz Deutschland Fuß fassen kann oder auch auf eine andere Indikation übertragbar ist. Und schließlich müssen Kosten und Nutzen in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen.

 

Welche konzeptionellen und methodischen Herausforderungen ergeben sich dabei für die Versorgungsforschung?
Matthias Schrappe: In erster Linie geht der Weg von der Beschreibung und Analyse der Versorgung hin zur Evaluation komplexer Interventionen auf Organisations- und Systemebene: Was z.B. bringen uns gesetzliche Veränderungen in der Vergütung? Außerdem stellt sich die Frage nach der Umsetzung von Behandlungsmethoden in die Routineversorgung: Wie können sektorenübergreifende Konzepte die Versorgung bestimmter chronischer Erkrankungen verbessern?Dies sind große Schritte, denn die Bereiche „Improvement Science“ und „Implementation Research“ müssen sich in Deutschland erst etablieren.
Holger Pfaff: Bei den neuen Versorgungsformen besteht die große Herausforderung darin, dass der Praxis die Kriterien guter Evaluation, die in einem guten Forschungsdesign zum Ausdruck kommen, bislang oft nicht geläufig sind. Das zeigt sich z.B. darin, dass man sich gegen die Evaluation mittels randomisierter kontrollierter Studien wehrt, auch wenn sie aussagekräftiger sind als andere Designs. Wir brauchen eine Kultur des Experiments in Deutschland. Daran müssen wir arbeiten.

 

Wie geht der DKVF 2016 auf alle diese Themen ein?
Matthias Schrappe: Das Kongressmotto sagt es schon – es geht darum, Nutzen zu schaffen. Wir werden über die Nutzenaspekte diskutieren, über die die Versorgungsforschung etwas aussagen kann. Die Lebensqualität ist sicher ein wichtiger Aspekt, dazu kommen Patientenorientierung und Outcomes in nicht-biomedizinischer Hinsicht. Der Kongress legt den Fokus natürlich auch auf die Systemfaktoren, also auf die Selbstverwaltung und die politische Ebene, als Kontext für die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnis und gleichzeitig als Quelle für wissenschaftlich interessante Fragestellungen. In einer der Plenarsitzungen widmen wir uns speziell dem Innovationsfonds und seinen konzeptionellen Anforderungen.

 

Der Förderzeitraum im Innovationsfonds beträgt 3 Jahre. Reicht das aus für die Evaluation komplexer Innovationen?
Holger Pfaff: Projekte mit Studienendpunkten, die erst in zehn Jahren bewertet werden können, können im Rahmen des Innovationsfonds sicher nicht gefördert werden. Jetzt geht es zunächst darum, machbare Projekte anzustreben. Ein Blick auf die eingegangenen Anträge zeigt: Wir haben keinen Mangel an guten Ideen, das finde ich sehr erfreulich.

 

Selbst wenn sich eine Innovation am Ende der drei Jahre als vielversprechend erweist, wie gelangt sie dann in die Regelversorgung? In der Vergangenheit ist die Einführung von Gesundheitsinnovationen in die Regelversorgung ja häufig daran gescheitert, dass sich die Partner im G-BA nicht einigen konnten.
Matthias Schrappe: Wissenschaftliche Ergebnisse, seien sie auch methodisch noch so gut erarbeitet, sind nicht in jedem Fall der Weisheit letzter Schluss. Und nicht immer eignen sie sich für die sofortige Umsetzung, denn bei der politischen Entscheidung müssen oft noch ganz andere Faktoren berücksichtigt werden als bei einer rein wissenschaftlichen Evaluation. Aber mit genügend wissenschaftlicher Evidenz kann die Politik mit viel mehr Nachdruck auf die Selbstverwaltungspartner einwirken und verlangen, dass sie ihre Blockadehaltungen überdenken.

 

Wie wird der Innovationsfonds aus Ihrer Sicht die Versorgungsstrukturen im deutschen Gesundheitswesen beeinflussen?
Matthias Schrappe: Positiv, das kann man jetzt schon sagen. Nachhaltig − das wird sich herausstellen. Zu einem entwickelten Gesundheitswesen gehört nicht nur eine Evaluation der Behandlungsmethoden ‒ das ist ja in den letzten 15 Jahren geleistet worden. Wichtig ist vielmehr auch eine Evaluation der Strukturveränderungen politischer Natur. Man kann also hoffen, dass sich die Problematik der Sektorengrenzen, der-alternden Gesellschaft und der sozialen Gerechtigkeit sowie die Herausforderungen durch die zunehmende Digitalisierung besser und wirkungsvoller bewältigen lassen, wenn die wissenschaftliche Perspektive mit hinzugezogen werden kann.

Holger Pfaff: Wie gesagt, ich bin erfreut über das innovative Potenzial, das in den Anträgen steckt. Man sieht jetzt schon, dass dabei viele Akteure im Gesundheitswesen zusammengewirkt haben. Es wurden gemeinsam gute Ideen entwickelt; diese Zusammenarbeit wird keine Eintagsfliege sein. Ich bin zuversichtlich, dass Ideen dabei sind, die sich durchsetzen werden.